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Akteurskonstellationen am Set

Bericht am 29. November 2017

Mit seinem neuen Film Casting liefert Regisseur Nicolas Wackerbarth eine doppelt selbstreferenzielle Reflexion über die Strukturen der Film- und Fernsehbranche in Deutschland und bietet eine Steilvorlage für die Forschung zu Akteur-Struktur-Dynamiken im Filmschaffen hierzulande.

 

Zu Jahresbeginn auf der Berlinale präsentiert, schon damals von den Feuilletons ausführlich gewürdigt und dank Piffl Medien seit Anfang November im Kino: die SWR-Produktion Casting von Nicolas Wackerbarth. Irgendwo zwischen Komödie und Drama angesiedelt, fiktiv, aber improvisiert und damit dokumentarisch angehaucht, ein authentisch anmutender Blick hinter die Kulissen des Filmgeschäfts, eine doppelt selbstreferenzielle Reflexion über die Strukturen der Film- und Fernsehbranche in Deutschland, über Macht, Ohnmacht, Hierarchien und Abhängigkeiten.

Die nicht mehr ganz junge Regisseurin Vera (Judith Engel) möchte einen Fernsehfilm inszenieren, anlässlich des Fassbinder-Jubiläums soll es bezeichnenderweise ein Remake von Die bitteren Tränen der Petra von Kant geben. Die Vorproduktion ist beinahe abgeschlossen, doch die Suche nach den zwei Hauptdarstellern läuft immer noch auf Hochtouren, obwohl schon in wenigen Tagen gedreht werden soll. Die Nervosität steigt also – und was Wackerbarth dem Zuschauer dabei vor Augen führt, kommt der perfekten Beobachtungs-Situation für eine sozialwissenschaftlich motivierte Filmforschung sehr nahe. Welche Konstellationen von Akteuren sind im Entstehungsprozess von Filmen von Bedeutung? Welche Anforderungen werden an die Akteure herangetragen? Welche Ziele bringen die Akteure zum Ausdruck und welche Strategien wenden sie an, um ihren Interessen Geltung zu verschaffen? Klar, für diese Fragen Pate steht der Ansatz der Akteur-Struktur-Dynamiken von Uwe Schimank (exemplarisch 2007), der von einer „wechselseitigen Konstitution von handelndem Zusammenwirken und sozialen Strukturen“ ausgeht und dessen Perspektive folgend die Praxis des Filmemachens als Aneinanderreihung unterschiedlicher Konstellations-, Erwartungs- und Deutungsstrukturen verstanden werden kann.

Selbstverständlich ist nicht davon auszugehen, dass sich Nicolas Wackerbarth bei der Entwicklung seines Drehbuchs (oder besser: seines dramaturgischen Bogens) von Schimank anleiten ließ. Und mag Casting auch nicht alle für diese Sozialtheorie relevanten Aspekte ausführen, die rund 90 Film-Minuten vermitteln trotzdem und ungeachtet ihrer Fiktionalität vielsagende Einblicke, wie bestimmte Akteur-Struktur-Dynamiken den Entstehungsprozess von Filmen hierzulande „transintentional“ vorantreiben. Skizziert anhand der drei im Plot zentralen Akteure, zu denen hier auch eine Reihe von Schauspielern zählt (was der Thematik des Films entspricht):

  • Die Regisseurin Vera muss sich auf ihre Kompromissbereitschaft hin prüfen lassen und obwohl sie ihren künstlerischen Anspruch bewahren und ihren Einfluss auf den Film hochhalten möchte, weiß sie genau, gegenüber wem sie sich wie weit aus dem Fenster lehnen darf. Auch bemerkenswert: Ihr spätes Fernsehdebüt besitzt eine bereits verfilmte Vorlage, an der sie sich zu messen hat.
  • Die zum Vorsprechen geladenen Schauspielerinnen Almut Dehlen (Ursina Lardi), Mila Ury (Marie-Lou Sellem), Luise Maderer (Corinna Kirchhoff), Annika Strassmann (Andrea Sawatzki) und Tamara Lentzke (Victoria Trauttmansdorff) weisen zwar unterschiedliche Charaktere (bis zur Divenhaftigkeit) auf, müssen sich jedoch trotz ihrer etwaigen Bekanntheit und ihres Alters Demütigungen gefallen lassen und zusehen, wie sie in die Bewerbungssituation nicht nur rasch hineinfinden und dann Punkte für sich sammeln, sondern wie sie (das betrifft naturgemäß die meisten) aus dem Verfahren auch wieder hinausfinden und professionell mit ihren gescheiterten Hoffnungen umgehen. Dass sie teilweise von Agenten an die Hand genommen werden, hilft ihnen dabei nur bedingt. Sich selbst entblößen und dann mit der Enttäuschung umgehen, dass sich die eigenen Wünsche nicht erfüllen, das ist auch die Herausforderung für Gerwin (Andreas Lust), den Anspiel-Partner beim Proben, der die Chance für sein Schauspiel-Comeback wittert und zu Recht auf die Übernahme der männlichen Hauptrolle spekulieren darf, dann aber doch wieder auf die unbedeutende Nebenrolle eines Paket-Zustellers degradiert wird.
  • Der Produzent Manfred (Stephan Grossmann) will die Zügel des Projekts in der Hand behalten. Seine Geduld wird zwar auf die Probe gestellt, er zieht die Reißleine und entlässt die für das Casting verantwortliche Mitarbeiterin Ruth (Milena Dreißig), er stellt aber auch seine Muskelkraft unter Beweis und präsentiert den eigentlich abgesprungenen männlichen Hauptdarsteller Kostja Stahnke (Tim Kalkhof) plötzlich kurz vor knapp doch noch am Set. Was Manfred auch gut kann: immer und immer wieder auf die Wünsche der Redaktion verweisen (nach Star-Besetzung, nach Drehbuch-Veränderungen), denn von dort komme schließlich das Geld.

Dass sich letztlich doch noch die nötigen Kompromisse finden, das Scheitern des für alle Beteiligten so wichtigen Vorhabens abgewehrt werden und der Dreh tatsächlich beginnen kann, gleicht einem Wunder. Die aufgezeigten Strukturen und die Atmosphäre am Set (der Druck, gepaart mit fehlendem Vertrauen, Unverbindlichkeit und Unzuverlässigkeit, die Leerläufe, die emotionalen Grenzüberschreitungen, die ausweglose Enge des Studios) lassen jedoch die Fassade gewaltig bröckeln. Dass sich das gesamte Team zum Startschuss des Drehs selbst gratuliert und sich mit aufgesetzter Freundschaftlichkeit zuprostet, macht die Desillusion für den Zuschauer perfekt.

Literaturangabe

Uwe Schimank: Handeln in Konstellationen. In: Klaus-Dieter Altmeppen, Thomas Hanitzsch und Carsten Schlüter (Hrsg.): Journalismustheorie: Next Generation. Wiesbaden: Springer VS 2007, S. 121-137.

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