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Edgar Reitz gibt das Signal zum Aufbruch

Bericht am 13. April 2018

Wie können Filmförderung, Ausbildung und Filmkultur in Deutschland vorangebracht werden? Mit diesen großen Fragen hat sich auf Initiative von Filmemacher Edgar Reitz ein Kongress zu Perspektiven der deutschen Film- und Kinokultur im Rahmen des Lichter Filmfests in Frankfurt am Main beschäftigt.

 

1962 war Edgar Reitz Mitunterzeichner des richtungsweisenden Oberhausener Manifests („Papas Kino ist tot“), das den Grundstein für das Filmförderungsgesetz und den Neuen Deutschen Film legte. Ein halbes Jahrhundert später forderte der Filmemacher als Schirmherr des Lichter Filmfests 2016 in Frankfurt am Main einen filmpolitischen Neuanfang („Es ist Zeit für ein neues Manifest“) – und gab die Initialzündung für einen Kongress zu Perspektiven der deutschen Film- und Kinokultur, der nun am 5. und 6. April 2018 im Frankfurter Zoo-Gesellschaftshaus anlässlich der diesjährigen Ausgabe des Lichter Filmfests und unterstützt vom Deutschen Filminstitut stattfand.

Der Anspruch des mit Spannung erwarteten Kongresses, der dem kleinen Filmfestival diesmal zumindest gefühlt die Schau stahl: den Diskurs über den deutschen Kinofilm ankurbeln bzw. über Probleme, Missstände, Herausforderungen und Chancen der Film- und Kinolandschaft in Deutschland debattieren und darüber hinaus Handlungsvorschläge erarbeiten, die als Impulse für Veränderungen gleichermaßen in die Politik und in die Branche getragen werden sollen. Was lässt sich also tun, um die Leitfragen des Kongresses aufzugreifen, damit „internationale Erfolge wie Victoria oder Toni Erdmann keine Solitäre bleiben“? Welche Wege gilt es zu beschreiten, damit „der deutsche Film wieder zum Publikum findet, sich die gesellschaftliche Vielfalt auf beiden Seiten der Kamera widerspiegelt, Filmschaffende von ihrer Arbeit leben können und das Kino als gesellschaftlich relevanter Ort erhalten bleibt“? Und welche Rolle spielen dabei die „neuen Auswertungs- und Distributionsmöglichkeiten“?

Dem Ruf von Edgar Reitz und den Kongress-Veranstaltern nach Frankfurt folgten über 50 namhafte Filmschaffende im engeren und im weiteren Sinne – darunter Regisseure, Produzenten, Spielfilmredakteure beim Fernsehen, Kuratoren, Kinobetreiber und Festivalleiter, aber auch Filmwissenschaftler und Filmhochschul-Dozenten (einzig Vertreter der Filmförderung waren kaum prominent vertreten). Das Programm umfasste zum einen öffentliche Podiumsdiskussionen, die kritische Bestandsaufnahmen zu den drei Themenkomplexen Förderung und Finanzen, Ausbildung und Nachwuchs sowie Distribution und Kinokultur erwirken sollten. Die Bandbreite der Panels erstreckte sich dabei vom Blick in die europäischen Nachbarländer und den Bedingungen für Filmproduktion und Filmförderung dort über die Stärken und Schwächen des deutschen Gegenwartskinos aus Festival-Perspektive sowie über die Perspektiven und Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen in Film und Medien bis hin zu den wechselseitigen Erwartungen von Fernsehen und Kino aneinander und zu der Frage, wie künstlerische Filme hierzulande mit einer Filmförderung zurechtkommen, deren Qualitätsbegriff zunehmend den wirtschaftlichen Erfolg eines Films adressiert. Zum anderen sah das Programm vor, im Rahmen von nicht öffentlichen Runden Tischen konkrete Empfehlungen zu den drei genannten Themenkomplexen zu erarbeiten, die dann in einem Abschlusspanel den Kongress-Teilnehmern präsentiert werden sollten.

Edgar Reitz hatte für beide Formate bereits die Marschrichtung vorgegeben, zwar nicht in Form eines Manifests, aber doch immerhin mit einem neunseitigen Papier und vier Thesen („Der deutsche Gremienfilm hat ausgedient“, „Das Fernsehen muss sich vom Kinofilm komplett zurückziehen“, „Wir brauchen das Kino als Ort der Filmkultur“, „Wir fordern Filmbildung in allen Schulen“) sowie entsprechenden Lösungsvorschlägen („gedanklichen Planspielen“). Diese vier Thesen beträfen „jeden Filmemacher im Lande“, erklärte der Filmemacher und brachte seine „große Sorge um die Filmkultur“ zum Ausdruck sowie um die „Verhältnisse“, die ihrer „freien Entfaltung“ im Wege stünden.

Tatsächlich nahm Reitz kein Blatt vor den Mund. So führe erstens das deutsche Fördersystem in der gegenwärtigen Form dazu, dass Filmproduktionen sich Eignungsprüfungen unterziehen müssten und folglich „in vorauseilender Anpassung“ geplant und geschrieben würden, dass das Publikum dabei aber „herzlich gleichgültig“ bleibe und deshalb der deutsche Film (ein „Zwitterwesen“) weder als Wirtschafts- noch als Kulturgut überzeugen könne. Kurzum: Das System sei „verknöchert“ und gehöre „komplett abgeschafft“ und ersetzt durch ein neues Filmförderungsgesetz mit weitgehender Förder-Selbstverwaltung und einer eindeutig kulturellen Ausrichtung. Zweitens sei aber auch die Rolle der „finanzmächtigen Fernsehanstalten“ im Entstehungsprozess deutscher Kinofilme „unerträglich“ geworden. Reitz monierte nicht nur die durch die Architektur der Filmförderung mögliche verdeckte Fernseh-Subventionierung und die „thematische Überspanntheit“ des „camouflierten Fernsehfilms“. Indem die Koproduktionszusage eines Senders faktisch die Voraussetzung für die Beantragung von Filmfördermitteln sei, seien die Redaktionen auf einmal die „alleinigen Entscheider, welcher Film im Land produziert wird und welcher nicht“. Mehr noch: Die Redakteure würden bei der Gestaltung der Verträge „immer gieriger und unverschämter“ („Sie sichern sich Kontrollrechte in allen künstlerischen Fragen, sie mischen sich in alle Entscheidungen der Filmemacher ein“) und bunkerten darüber hinaus die Filmrechte, was einer regelrechten Enteignung der Produzenten gleichkomme. Auch hier könne eine Lösung des Problems nur per Gesetz erreicht werden, das insbesondere eine „strikte Trennung von Kinofilm und Fernsehen“ (wovon auch der Fernsehmarkt profitieren würde) und die Einrichtung einer öffentlichen Rechteagentur festschreiben müsse. Weniger kritisch, dafür umso idealistischer hielt Reitz drittens noch fest, dass sich das (physische) Kino als Ort des kollektiven Filmerlebnisses („für die Filmkunst unverzichtbar“) dringend neu erfinden müsse (Tendenz unter anderem: weg von festen Anfangszeiten und Programmangeboten, mehr Unabhängigkeit von Verleihern, mehr Live-Veranstaltungen), und wartete viertens mit der Forderung auf, Kino- und Filmgeschichte als nationales Kulturgut zu pflegen und zum Pflichtfach in allen Schulen zu machen („Erst wenn wir die schönsten und wichtigsten Werke der Kinogeschichte kennen, sind wir in der Lage, Qualität im Kino zu erkennen“).

Mag gerade dieser letzte Punkt utopisch erscheinen: Aus Reitz‘ Thesenpapier wurde hier auch deshalb so ausführlich zitiert, weil viele der (Kritik-)Punkte aufgegriffen wurden von dem Abschlusspanel des Kongresses, in dem die Ideen, Vorschläge und Forderungen aus den Podiumsdiskussionen und vor allem aus den nicht öffentlichen Gesprächsrunden präsentiert wurden. Klarer Tenor nach zwei Tagen reger Debatten: Damit die Filmkultur gestärkt wird, mutige Projekte eine Chance haben und das Kino als soziokultureller Begegnungsort am Leben bleiben kann, braucht es aus Sicht der anwesenden Filmschaffenden eine grundlegende Neuordnung der deutschen Filmförderlandschaft. Die Ergebnisse des Kongresses beinhalteten vor allem folgende (teilweise revolutionär anmutende) Forderungen, die bald auch noch medial entsprechend verbreitet werden sollen (für eine ausführlichere Darstellung schon jetzt siehe den Beitrag von Joachim Kurz auf Kino-Zeit):

  • Förderung und Finanzierung: Die Filmförderstrukturen sollen zugunsten der Kunstfreiheit grundlegend verändert werden. Um schnellere und mutigere Entscheidungen zu ermöglichen, soll die Hälfte der gesamten Fördersumme pro Jahr an rund 20 Filmproduktionen gehen, bei denen mit einer Zuschauerzahl von über 250.000 gerechnet werden kann. Die andere Hälfte soll transparent nach dem Intendantenprinzip verteilt werden (mit einem Kurator und einer Kuratorin, deren Amtszeit auf fünf Jahre begrenzt ist und die für ihre Förderentscheidungen Verantwortung übernehmen müssen), ein Fünftel der Gelder davon soll darüber hinaus jedoch verlost werden. Außerdem vorgesehen: eine Erhöhung der Fördersummen für Stoffentwicklung, Marketing und Vertrieb, der Abbau des sogenannten „Regionaleffekts“ bei der Länderförderung, die bindende Zahlung von sozialverträglichen Honoraren und die Entkoppelung der Filmförderung von der Koproduktion mit Fernsehsendern.
  • Ausbildung und Nachwuchs: Gefordert wird die Einrichtung eines bundesweiten Filmförder-Talentfonds, der für alle Nachwuchsfilmemacher (und damit auch für Quereinsteiger und Autodidakten) zugänglich ist. Ferner sollen die Hochschul-Abschlussfilme nicht mehr schier ausnahmslos von TV-Sendern bezuschusst und weitere Auswertungsformen (jenseits des Kinos) akzeptiert werden.
  • Distribution und Kinokultur: Um der deutschen Kinokultur angesichts der Omnipräsenz audiovisueller Medienangebote neue Impulse zu geben, sollen Investitionsbeihilfen an Kinos ergehen, Kino-Neugründungen erfolgen und gerade Kinos im ländlichen Raum noch umfassender gefördert werden. Auch gilt es, die Auswertungsfenster und -möglichkeiten flexibler zu gestalten. Und schließlich: Die Filmbildung soll als Unterrichtsgegenstand und Schulfach (schon ab der Vorschule) etabliert werden.

So viel kollektives Nachdenken, ein so geballter Austausch zwischen den einzelnen Akteuren der Filmbranche und ein so ungeschminkter Blick auf die Strukturen der Filmförderlandschaft hierzulande hat Seltenheitscharakter. Auffällig auch: das hohe Maß an Normativität und der erzieherische Impetus, der ebenso eine deutliche Sprache spricht, was das Selbstverständnis der anwesenden Filmschaffenden angeht. Dazu passt auch, dass das Publikum auf dem Kongress nicht nur inhaltlich eine vergleichsweise kleine Rolle bekam. Der stattliche Ticketpreis zum Frankfurter Kongress stand durchaus im Widerspruch zu dem Anliegen, die Filmkultur stärker in der deutschen Gesellschaft zu verankern. Dennoch, so scheint es, weht ein neuer Wind in Teilen der Branche, der eigentlich nicht mehr ignoriert werden kann. Edgar Reitz hat das Signal zum Aufbruch gegeben. Bleibt nur abzuwarten, wie die Politik mit diesen durchaus ehrenwerten Impulsen umgeht. Dass sie so umfassend reagiert wie in den 1960er Jahren, ist eher nicht zu erwarten.

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