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Gut gelaunt ins neue Jahrzehnt

Bericht am 24. Februar 2020

Auf der Konferenz „UNLOCK Film“ diskutierte das „Zeit-Magazin“ am 19. Februar 2020 in Berlin mit Kreativen der deutschen und internationalen Filmbranche. Der Nachmittags-Talk machte Lust auf Kino und Serien-Streaming, sparte die gegenwärtigen Problemfelder des Filmschaffens aber weitgehend aus.

 

„Streaming Into The New Twenties“. Unter diesem Motto lud das „Zeit-Magazin“ am 19. Februar 2020, einen Tag vor Beginn der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin, zur Veranstaltung „UNLOCK Film“ ins Berliner Ewerk, um mit prominenten Vertreterinnen und Vertretern der Filmbranche sowie Bühnen-Künstlerinnen und -Künstlern über die Zukunft des Mediums Film im nationalen und internationalen Kontext zu diskutieren. Für die UNLOCK-Konferenzreihe, die gemäß ihrem Selbstverständnis die Kreativbranche entschlüsseln möchte, bedeutete der Bereich Film eine Premiere – laut Ankündigung sollte in einem großen Bogen von den Goldenen Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts bis zu den 2020er Jahren die Tür zu neuen Räumen des Films geöffnet werden.

Das Format der von Canada Goose und Studio Babelsberg gesponserten Nachmittags-Veranstaltung, zu der sich rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einfanden, war auf Dynamik ausgerichtet. In 20-Minuten-Slots diskutierten Christoph Amend, Chefredakteur des „Zeit-Magazins“, und seine Kollegen Johannes Dudziak und Tillmann Prüfer auf der Bühne nacheinander mit der Schauspielerin Lea van Acken („Film und Zukunft“), mit der Roman- und Drehbuchautorin sowie Regisseurin Anika Decker („Die Kraft des Schreibens“), mit der Schauspielerin Lena Klenke und der Regisseurin Leonie Krippendorff („Junger deutscher Film Kokon“), mit Jörg Winger, Executive Producer und Managing Director bei UFA Fiction („The series of 2020“), sowie, nach einer Kaffeepause, mit dem Autor, Regisseur und Produzenten Gero von Boehm („Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“), mit dem Künstlerischen Direktor der Deutschen Kinemathek und Leiter der Berlinale-„Retrospektive“, Rainer Rother („Metropolis digital“), und mit der Kostümbildnerin Lisy Christl („Die Kostüme meines Lebens“) – ausfallen musste lediglich der Talk mit dem Regisseur und Drehbuchautor Christian Schwochow („Leben im Film“). Für Abwechslung sorgte dieses Stelldichein auch dank der wiederholten Video-Einspielungen und der auf die Leinwand projizierten Film-Stills, die der Veranschaulichung dienten oder gleich die Gesprächsgrundlage bildeten.

Dass der Nachmittag so kurzweilig verlief, lag auch an der lockeren Interviewführung (allen voran: Christoph Amend) und den prächtig gelaunten Talk-Gästen, die wohldosiert Einblick in ihre Arbeit gewährten und dabei ebenso wenig mit Anekdoten sparten: Anika Deckers pointierte Darstellung des Drehbuchschreibens als intimer kreativer Tätigkeit, die viel Fleiß und Ausdauer verlangt, bis dann Til Schweiger beim zufälligen Treffen im Restaurant nach einem USB-Stick mit Arbeitsproben fragt und einen Tag später eine Romantic Comedy (Keinohrhasen) in Auftrag gibt; Rainer Rothers krimihaft geschilderte Wiederentdeckung der verschollenen ungekürzten Fassung von Fritz Langs wegweisendem Meisterwerk Metropolis (es begann mit einem Anruf aus Buenos Aires); oder auch Lisy Christls Bericht über die Schwierigkeiten bei der Ausstattung von Science-Fiction-Filmen (im Gegensatz zum relativ einfachen, recherchebasierten Kostümdesign für historische Stoffe) und die Herausforderungen für ihr Team am Set, wenn der Regisseur (in diesem Fall Terrence Malick bei Ein verborgenes Leben) kurzerhand beschließt, den Drehplan des Tages über den Haufen zu werfen. Vor allem aber machten die Gespräche Lust darauf, die in den Fokus gerückten Werke in voller Länge anzuschauen. Das galt natürlich für Leonie Krippendorffs Coming-of-Age-Film Kokon (Premiere auf der Berlinale in der Sektion „Generation 14plus“ und ab Ende April 2020 im Kino), der das jugendliche Leben in Kreuzberg rund um das Kottbusser Tor auch mithilfe von Laienschauspielern authentisch einzufangen verspricht, aber auch für Gero von Boehms Dokumentation über den immer noch polarisierenden Modefotografen Helmut Newton (Erstaufführung auf dem diesjährigen Tribeca Film Festival in New York) sowie für fünf ganz unterschiedliche internationale Serienproduktionen der großen Player (The Outsider, Mystic Quest, Messiah, Ragnarök, Unbelievable), die den Diskurs bald prägen dürften und von denen Jörg Winger dem Publikum schon jetzt einen Vorgeschmack lieferte.

Wie ist es aber nun um die Zukunft des Mediums Film jenseits einzelner Werke bestellt? Trotz des hohen Unterhaltungswerts blieb „UNLOCK Film“ den Besucherinnen und Besuchern eine Antwort schuldig. Auch wenn es sich um eine Veranstaltung handelte, die der journalistischen Logik folgte (und dabei auch keinerlei Fragen aus dem Publikum vorgesehen waren) – ein größeres Problembewusstsein im Hinblick auf gegenwärtige Herausforderungen der Filmbranche in Deutschland hätte sicher mehr Erkenntnisse struktureller Natur zutage gefördert und der Konferenz so mehr Würze beschert. Die lautstarke Forderung nach nachhaltigem Filmemachen etwa, die zum Teil prekären Arbeitsbedingungen in der Branche oder auch der scharfe Wettbewerb auf dem Serien-Parkett wurden höchstens gestreift (eine Ausnahme: Lea van Acken machte eindringlich Werbung für die Initiative „Filmmakers for Future“), wohingegen die längst nicht mehr nur branchenintern debattierte Notwendigkeit einer Reform des nationalen Filmförderkomplexes ebenso wenig Erwähnung fand wie die fortbestehenden Geschlechterungerechtigkeiten und darüber hinausgehende Diversitätsgrenzen im deutschen (und internationalen) Filmschaffen. „UNLOCK Film“ hat deshalb lediglich die Tür geöffnet in den Arbeitsalltag und die Gemütslagen einzelner Filmpersonen sowie Zugang verschafft zu ausgewählten Filmwerken. Die heißen Eisen wurden dagegen, bewusst oder unbewusst, nicht angefasst.

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