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Filmgeschichte als Beeinflussungsgeschichte

Rezension am 29. April 2016

Was der Titel nicht gleich vermuten lässt: Die mediale Zwangsgemeinschaft von Joan Kristin Bleicher liefert einen historischen Abriss zur wechselseitigen Beeinflussung der Kino- und Fernsehfilmentwicklung in (West-)Deutschland. Gezeigt wird, wie stark das Medium Film von dem ökonomischem Kontext seiner Entstehung geprägt ist.

 

Joan Kristin Bleicher: Die mediale Zwangsgemeinschaft. Der deutsche Kinofilm zwischen Filmförderung und Fernsehen. Berlin: Avinus 2013. (Band 1 der Reihe „Edition Medienkulturforschung“, herausgegeben von Kathrin Fahlenbrach, Oliver Schmidt und Thomas Weber)

Joan Kristin Bleicher, Professorin für Medienwissenschaft am Institut für Medien und Kommunikation der Universität Hamburg, verspricht eine neue Blickrichtung. Ihr Band vergleicht den deutschen Kino- und Fernsehfilm, ohne dabei primär auf Ästhetik und Genres abzuzielen, sondern auf die Wechselwirkungen mit der Ökonomie. Was der Titel nicht verrät: Die knapp über 100 Seiten liefern in erster Linie einen medienhistorischen Überblick und beschreiben die wechselseitige Beeinflussung der Film- und Fernsehentwicklung in (West-)Deutschland nach 1945, insbesondere bis in die 1980er-Jahre. Unter Bezugnahme auf Publikationen aus der Medien- und Filmwissenschaft, aber etwa auch aus dem Bereich Filmrecht wird gezeigt, wie sich die spezifische Form der Finanzierung des deutschen Films in dessen Produktion und Output niedergeschlagen hat und welcher Stellenwert dabei der Filmförderung und dem Fernsehen als Geldgeber zukam.

Nach einer Einleitung, in der die Eckpunkte einer solchen Perspektive auf die Entwicklung des Mediums Film bereits benannt werden (unter Berücksichtigung der politischen, wirtschaftlichen, medialen und künstlerischen Interessen der zentralen Akteure in Sachen Film sowie ihrer Strategien), folgen die fünf Kapitel des Hauptteils einer wenig originellen, dafür aber umso konsequenteren zeitlichen Chronologie (Nachkriegszeit, 1950er-Jahre, 1960er-Jahre, 1970er-Jahre, 1980er-Jahre bis heute). Der Leser erfährt hier schnell das Nötige über die Probleme der bundesdeutschen Filmwirtschaft nach dem Ende des Nationalsozialismus und die medienpolitischen Weichenstellungen der Alliierten, über die sich zuspitzende Krise des Kinofilms bis in die 1960er, über die ersten Bestrebungen zur staatlichen Filmförderung und die Zusammenarbeit zwischen Filmproduktionsunternehmen und Fernsehsendern, über das Filmförderungsgesetz (1967) sowie seine wiederholten Novellierungen (einschließlich des 1974 zwischen der Filmförderungsanstalt und ARD und ZDF geschlossenen Film-Fernseh-Abkommens) und nicht zuletzt über die Vor- und Nachteile, die sich daraus sowohl für Filmbranche als auch für das Fernsehen ergeben haben und bis heute ergeben.

Auch wenn ansatzweise die ab den 1980ern ins Gewicht fallenden Konzentrationstendenzen in der Filmwirtschaft genauso thematisiert werden wie die Institutionalisierung der Filmförderung vonseiten der Bundesländer (unter Beteiligung privater Fernsehsender) und weitere „Optimierungsversuche“ der öffentlichen Filmfinanzierung (zwischen Wirtschafts- und Kulturförderung): Das Kernstück der Arbeit von Joan Kristin Bleicher sind die 1960er und 1970er, in denen aus der „Zwangsehe“ zwischen Kino und Fernsehen „gemeinsame Kinder“ hervorgingen, „von denen beide Elternteile profitierten“ (S. 55). Gemeint ist die filmhistorisch bedeutende Strömung des Neuen Deutschen Films, der sich als Kunstform in der Abgrenzung vom populären amerikanischen Erzählkino entwickelte, an experimentelle Traditionslinien der filmischen Avantgarde und des europäischen Kinos anknüpfte und mit seiner Überschreitung traditioneller Grenzen am ehesten den damaligen Anforderungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nach wirklichkeitsorientierten Erzählformen und allein verantwortlichen Autoren entsprach (S. 42-45). Mehr noch: Durch die Fernsehsender (als Produktions- und Auswertungspartner) und die Filmförderung entstand eine „Schutzzone für deutsche Filme“ (S. 61), in der Publikumsinteressen im Kino nur eine untergeordnete Rolle spielten. Joan Kristin Bleicher zeichnet das Spannungsfeld der unterschiedlichen Interessen von Filmproduzenten, Förderungsgremien, Fernsehredakteuren und Politikern sehr anschaulich nach, wozu auch das aufklärerische Anliegen der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films gehört. Dass sich Regisseure wie Alexander Kluge aktiv in medienpolitische Entscheidungen einmischten und darüber hinaus in den Gremien der Filmförderung saßen, ist für die Autorin mit ein Grund für die kaum vorhandene Bereitschaft des damals entstandenen „Gremienfilms“, eine „Anwaltschaft für publikumswirksame Produktionen“ zu übernehmen. Stattdessen habe sich etwa Kluge eher den Traditionslinien der Kultur- und Geistesgeschichte verpflichtet gefühlt und der Kritischen Theorie, den Schriftstellern Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist, James Joyce und Arno Schmidt sowie den Errungenschaften der modernen Kunst nachgeeifert (S. 73).

Trotz seiner Kürze punktet Joan Kristin Bleichers medienhistorischer Abriss mit unzähligen Verweisen auf Filme, mit immer wieder eingestreuten längeren Zitaten von Experten (und hier kommt natürlich der Produzent und langjährige WDR-Redakteur Günter Rohrbach ausführlich zu Wort) und mit zwei Exkursen (Genreentwicklung der 1970er-Jahre, Filmförderung und -entwicklung von Regisseurinnen). Was leider nicht geleistet wird, aber auch kein zentrales Anliegen der Arbeit ist: eine deutlichere Auskunft zum deutschen Kinofilm heute, zu seiner ökonomischen Verschränkung mit TV und Filmförderung und dazu, wie sich die „mediale Zwangsgemeinschaft“ auf den gegenwärtigen Output und die filmische Konstruktion sozialer Wirklichkeit niederschlägt (auch wenn die wichtigsten filmpolitischen Weichen natürlich schon länger gestellt sind). Dass sich etwa die unterschiedlichen Filmförderungsgesetze „mal mehr am Kino, mal mehr am Fernsehen orientieren“ (Klappentext), lässt den Leser nicht vollends zufrieden zurück. Eine theoretische Perspektive würde hier mit Sicherheit weiterhelfen.

Abgesehen davon ist das Büchlein von Joan Kristin Bleicher nicht nur zu empfehlen, um sich auf die Schnelle einen Überblick über die Geschichte des bundesdeutschen Kino- und Fernsehfilms sowie der Entstehung und Ausdifferenzierung der Filmförderungsarchitektur zu verschaffen. Der Band macht außerdem deutlich, wie stark das Medium hierzulande in politische, ökonomische und soziale Strukturen eingebunden ist, was für die nötige Anschlussfähigkeit an darüber hinausgehende kommunikationswissenschaftliche Fragestellungen sorgt. Einer veränderten Blickrichtung auf den Film wird hier in der Tat der Weg bereitet.

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